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Der nachfolgende Inhalt ist der Seite http://www.mitteleuropa.de/terpitz01.htm entnommen.

Beginn Zitat

Den folgenden Brief schickte Werner Terpitz, Jahrgang 1928, an das ZDF.
Es ist seine Kritik an der ZDF-Sendereihe "Hitlers Kinder".

GUIDO KNOPPS WUNSCHKINDER.
Nun ist die ärgerliche fünfteilige Sendereihe, die ursprünglich von arte und bald danach vom ZDF ausgestrahlt wurde, auch noch bei PHOENIX gezeigt worden. Hilflos muß der Zeitzeuge zuschauen, mit welch einer Beharrlichkeit hier dem Publikum ein schiefes Geschichtsbild vorgeführt wird, wie mit selektiven Mitteln der Nachweis versucht wird, daß die jugendlichen Soldaten, geformt durch die nationalsozialistische Erziehung, nahezu ohne Ausnahme bis zum katastrophalen Ende des Krieges fanatische Kämpfer für Hitler gewesen seien. Was man der Serie, die doch so viele Zeitzeugen vorführt, vorwerfen muß, ist der Verzicht auf Differenzierungen, das Ausblenden aller Grautöne. Es scheint, als habe das überwältigende, einst zu Propagandazwecken produzierte Filmmaterial am Ende noch seine Wirkung auf Guido Knopp und sein Team, die nachgeborenen Redakteure, gehabt.

Sie stellen die "Hitlerjugend" als erfolgreiche ideologische Erzieherin der Jugend vor, so als hätten Eltern und Lehrer ab 1933 keine Rolle mehr gespielt. Soweit die nicht für Hitler waren, blieben sie doch stillschweigend ihren tradierten Denkmustern und Orientierungen treu, auch bei der Erziehung der Kinder. Wir Schüler wußten bald, ob ein Lehrer Nazi war oder nicht. Trotz antikirchlicher Propaganda, sogar mitten im Kirchenkampf, schickten damals mehr Menschen als heute ihre Kinder zum kirchlichen Unterricht. Es mag ja sein, daß in den Anfangsjahren, als alles noch freiwillig war, der Hitlerjugend vorwiegend "Hitlergläubige" angehörten. Die in der Sendung auftretenden Zeitzeugen, die dies für sich glaubhaft belegen, haben die Redakteure fast nur aus diesen Jahrgängen, nicht aus denen der späteren Kindersoldaten gewählt, vor allem aus der linientreuen Führungsebene. Die Voraussetzungen änderten sich aber, nachdem der HJ-Dienst zur Pflicht geworden war. Jetzt kamen die Kinder naziferner, gar nazikritischer Eltern hinzu, ebenso unsportliche Typen und andere, die keine Lust hatten, ständig zu raufen, auch solche, die körperlich oder geistig unterlegen waren oder die sonst dem propagierten Ideal nicht entsprachen. Gruppendruck schuf keine überzeugten Hitlerjungen. Als dann mit fortschreitendem Krieg charismatische Jugendführer fehlten, verlotterte der Haufen immer mehr. Über den zweimal wöchentlich stattfindenden "Dienst", in dem sich inhaltlich oft nichts mehr ereignete, wurde ständig gemault. Bald trugen die meisten längst auch bei der HJ das abgeschabte Zivil der letzten Kriegszeit, denn Kinderuniformen waren nicht kriegswichtig – außer eben für Propagandafilme. Weil viele schwänzten, gab es regelmäßig Erfassungsappelle, auch unter Einsatz der Schulen. All die großspurigen Ertüchtigungsmaßnahmen sportlicher und wehrtechnischer Art, die in den alten Filmen zu sehen sind, hat der normale "Hitlerjunge" im Krieg ebensowenig erlebt, wie filmreife Großaufmärsche mit oder ohne Hitler. Nur eine kleine Minderheit meldete sich freiwillig zur Waffen-SS. So wenig zeigte bei der Jugend der im 3. Reich eingeübte Hitlerfanatismus seine Wirkung. Zu alledem sagt die Sendung nichts.

Ideologisch konform ging es fraglos in Napola-Schulen, Adolf-Hitler-Schulen, HJ-Kampfgruppen usw. zu. Die betrafen insgesamt eine relativ kleine Zahl ideologisch besonders geschulter und sicher auch überzeugter Jugendlicher, deren Eltern dies meist unterstützten. Die hierzu gezeigten NS-Propagandastreifen dürften tatsächlich einigermaßen mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Anders war es mit den Flakhelfern, zu denen geschlossene Jahrgänge normaler Schulen einberufen wurden. Auch die werden in den Nazi-Filmen – es durfte ja nicht anders sein – als systemkonform und damit als ideologisiert gezeigt. Hier hätten die nachgeborenen Fernsehredakteure relativieren können, z. B. anhand der von Hans-Dietrich Nicolaisen publizierten, gründlichen Flakhelfer-Dokumentationen, die in ihrer nachdenklichen Abgewogenheit das Bild einer durchweg ideologisierten Generation keineswegs stützen. Der Historiker Nicolaisen wurde als ehemals Betroffener in der arte-Fassung nur mit einer Belanglosigkeit eingeblendet, in der ZDF-Sendung dann ganz weggelassen. Der Fachmann paßte offenbar nicht ins Konzept. Andererseits kam eine Dame, die bei Kriegsende noch sehr jung war und behauptete, schon als Kind alle Einzelheiten über den Holocaust gewußt zu haben, immer wieder zu Wort. Hier wäre doch die Frage der Interviewer am Platz gewesen, wer ihr denn dieses Wissen in einer Zeit mitgeteilt habe, in der die Weitergabe solcher Fakten mit Konzentrationslager oder Tod bedroht war.

Kein Wort verliert die Sendung über die durchaus übliche Eingliederung kaum ausgebildeter 16jähriger in Divisionen der Deutschen Wehrmacht, die nach langen Rußlandjahren erschöpft und ausgeblutet waren und Anfang 1945 in Eile aufgefüllt werden mußten. Diese Jugendlichen spielen in den NS-Propagandafilmen keine Rolle. Mit der Bemerkung, der Reichsjugendführer Axmann habe vor einer solchen Eingliederung gewarnt, begnügt sich demgemäß die Sendereihe und untermauert damit ihre Darstellung, "Hitlers Kinder" seien ausschließlich als Hitlerjugend, HJ-Divisionen, NS-Eliteschüler oder Flakhelfer in die mörderischen Schlußkämpfe des Krieges gezogen. Daß wir Jugendlichen in den letzten verbliebenen Kesseln Ostpreußens zu Hunderten in die Wehrmacht eingegliedert wurden, wo wir hautnah den Frust einer geschlagenen Armee erlebten, war jedenfalls der Redaktion des ZDF bekannt (eine Redakteurin rief mich in dieser Angelegenheit an), trotzdem bringt die Sendung unter dem Stichwort "Königsberg" nur Auszüge aus einem NS-Streifen über einen HJ-Einsatz. Darin wird die Stadt genannt, die Örtlichkeiten sind aber nicht erkennbar, Zeitzeugen treten nicht auf, und in der vom damaligen Festungskommandanten Lasch publizierten Liste der in Königsberg eingesetzten Einheiten ist keine einzige HJ-Gruppe aufgeführt.

Was Guido Knopp und seine Helfer nicht sehen, ist die gemeinsame Klammer, die Nazis und Nichtnazis (bis auf ganz wenige Ausnahmen) verband, das Wirgefühl, das tradierte übersteigerte Nationalgefühl. Auch Stauffenberg beschwor ja, wie Hans Heigert (Deutschlands falsche Träume) hervorhebt, noch kurz vor seiner Hinrichtung das Heilige Vaterland. So verstanden selbst Jugendliche aus kirchlichen Gruppen den Krieg als vaterländischen Krieg und wollten, beeinflußt von R. A. Schröder und anderen Liederdichtern des 1. Weltkrieges, unbedingt noch in höchst ethisch verstandenem Sinne Helden werden: Männer, die ihr Volk und Land schützen. Selbst weniger nazikritische Klassenkameraden hatten nach meiner Erinnerung viel eher den nationalistischen, vaterländischen Impetus als einen ideologisch nationalsozialistischen. Die Fernsehmacher aber stopfen alles ohne jede Differenzierung in denselben nationalsozialistischen Topf, was ja auch einleuchtend erscheint: Denn Fernsehen will Bilder zeigen. Die aber liegen nur als Nazi-Propagandastreifen vor. Was nicht ins System paßte, kam nicht in die Wochenschau. Und was nicht in die Wochenschau kam, kommt folgerichtig auch bei den Produzenten dieses fünfteiligen Streifens nicht vor, weil ohne Bilder kein Fernsehen möglich erscheint.

Es ist ein Verbrechen, Jugendliche zu Soldaten zu machen und dazu noch ohne hinreichende Ausbildung an die Front zu schicken. Aber es gibt ja auch die subjektive Sicht der Betroffenen. Damals mußten wir feststellen, daß der Krieg überall ist, daß die feindlichen Mächte ihn gegen Zivilisten führten. Mit welcher Brutalität die deutschen Vollstrecker des Nazireichs das auch getan hatten, wußten wir damals ja noch nicht. Wenn feindliche Flugzeuge Bomben auf deutsche Städte warfen und Zivilisten verbrannten, mußte man kein Nazi sein, um den Wunsch zu spüren, diese Flugzeuge abzuschießen. Und wenn Jugendliche im Osten erlebten, wie Alte, Frauen und Kinder von einer feindlichen Soldateska durch Mord und Vergewaltigung auf die Flucht getrieben wurden, dann war es ihnen gleichgültig, ob die Nazis Nemmersdorf propagandistisch verwerteten, da galt nur, möglichst vielen Menschen die Flucht zu ermöglichen. Dabei waren wir großen Kinder fraglos eher nutzlose Soldaten. Aber wenn in einem Krieg die eigene Bevölkerung solch einer Todesgefahr ausgesetzt ist, lassen sich auch Kinder lieber Waffen in die Hand drücken, als tatenlos dem Morden zuzusehen. Deshalb kann man bis heute überall in der Welt Kinder in Verteidigungsphasen der Kriege so leicht rekrutieren.

In der Sendereihe blieben diese Zusammenhänge undiskutiert. Lag es daran, daß in vielen Redaktionen Vertreibung und Bombenkrieg immer noch als Tabuthemen rangieren? Dann kann man in der Tat die Motive der Kindersoldaten von damals nicht erklären. Dann kann man aber auch das hier gestellte Thema nicht bewältigen. Natürlich sind die nachgeborenen Publizisten in einer feinen Situation. Sie wissen vom Holocaust, kennen den Historikerstreit, haben oft verinnerlicht, daß es schlimmeres Leiden als deutsches Leiden (Harpprecht) gegeben habe. Wer aber einen Dokumentarfilm drehen und ernst genommen werden will, der sollte zunächst gewissenhaft feststellen, was die damaligen Akteure wirklich dachten, von welchen Motiven sie getrieben wurden. Wer einer ganzen Generation ein Klischeebild überstülpt, kann vielleicht eine spannende Sendung machen, nicht aber die Wahrheit finden.

Man mag einwenden, Bernhard Wicki zeige doch in seinem Kultfilm "Die Brücke" (1960) die Kindersoldaten ganz ähnlich. Leider, würde ich sagen! Der Film hat vermutlich schon früh in vielen Köpfen das Bild von den hitlergläubigen, kindlichen Fanatikern angelegt. Aber er ist ein Spielfilm, will spannend sein, darf deshalb auf extreme Situationen zurückgreifen. Knopp aber gibt vor, dokumentieren zu wollen. Das ist der Unterschied. Wer das will, sollte es auch gewissenhaft tun.

Werner Terpitz, Jurist, 1928 in Mohrungen. (heute polnisch: Morag) geboren, erlebte 1944 die fast völlige Zerstörung der Provinzhauptstadt Königsberg (heute russisch: Kaliningrad) durch englische Flugzeuge und wurde 1945 als 16jähriger Soldat bei den Schlußkämpfen um die Stadt verwundet. Seine Mutter starb in dieser Zeit an den Folgen der Flucht.

Ende Zitat.

Kurzer Kommentar des Autors von "Aufbruch Ost" und "Ich war einer von 'Hitlers Kindern'" nach Kenntnisnahme des o.g. Briefes (er war Teilnehmer dieser ZDF-Sendereihe):

"Wir werden noch einmal über meine
Eindrücke zu dieser Sendung diskutieren.
Meine Gegenargumente wurden damals mit Musik überspielt."

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